Unter dieser Rubrik erscheinen in der Siegener Zeitung Artikel mit meist lustigen Begebenheiten aus der Region. Und da Müsen gerade auf dem Gebiet einiges zu bieten hat, möchte ich hier diese Artikel vorstellen.

Ausklang

Früher fiel der Zeitpunkt der Bescherung durch das Christkind in etlichen Siegerländer Familien nicht auf Heiligabend, sondern auf den ersten Weihnachtsmorgen. In Müsen etwa konnte es der Nachwuchs kaum erwarten, bis das dritte und letzte Läuten kurz nach 7 Uhr verklungen war und sich endlich die Tür zur nur durch den Christbaum beleuchteten Wohnstube öffnete.

Diesmal hätten die Kleinen lange warten müssen. Zwar setzten sich Punkt 6 Uhr die Klangkörper in schwingende Bewegung, doch die zweifache Wiederholung im Halbstunden-Takt blieb aus. Wer sich schon immer in seiner morgendlichen Restschlafphase gestört gefühlt hat, dürfte erleichtert aufgeatmet haben und wieder eingenickt sein. Andere mögen es bedauert haben, extra aufgestanden zu sein, um vergeblich am geöffneten Fenster betend oder in Gedanken vertieft dem „Glockenspiel“ zu lauschen. Das Ende einer langen Tradition scheint dauerhaft eingeläutet in einem Bergmannsdorf, in dem Glockenklang seit jeher eine besondere Tradition und Bedeutung genießt.

Anstatt mit frohem Geläut die Geburt Jesu und damit die Ankunft von Gottes Sohn auf Erden zu begrüßen, herrschte nach dem verheißungsvollen Auftakt Totenstille. In einem Dorf, das auf Zukunft setzt und tatsächlich zu den quicklebendigsten in der Region zählt, für Freunde dieses Hörerlebnisses eine geradezu beklemmende Erfahrung. Ein akustisches Bekenntnis zum christlichen Glauben auf ein Minimum reduziert.

Forderungen nach einer Abschaffung der Dreifach-Beschallung vor Einbruch der Morgendämmerung sind nicht neu. Aber wäre dann nicht ein noch konsequenteres Handeln wünschenswert gewesen, sprich der Verzicht auch auf das 6-Uhr-Läuten, um eine durchgängige kollektive Dorfruhe zu gewährleisten? Vielleicht wäre es vor diesem Hintergrund auch eine Option gewesen, das feierliche Glockengeläut – oder Gedröhn, je nach Empfinden – im Dreier-Rhythmus um eine Stunde zu verschieben.

Zweifellos spielt in diesen unruhigen Zeiten das Glocken-Gebaren eine untergeordnete Rolle. Nicht in Vergessenheit geraten sollte indes, dass der Klang vom Kirchturm gerade in schwierigen und dunklen Dekaden Menschen einen Schimmer Hoffnung, Trost und Zuversicht spenden kann.

Unabhängig davon steht die Empfehlung, vom Läuten in der bevorstehenden Silvesternacht abzusehen – einerseits weil der Anlass ohnehin eher weltlicher Natur ist, andererseits weil die Böller dann besser zur Geltung kämen ...  Peter Helmes

Schmeck lass nach

Dieses Telefonat hätte man eigentlich mitschneiden müssen. Einen Tag nach dem Ende des einwöchigen Müsener Hafenfests wollte Gibberichs Helene ihrem Enkel Finn-Ole zum Geburtstag gratulieren. Der lebt – der Name deutet es an – im Norden der Republik, konkret in der Hansestadt Hamburg.

Dass sich am anderen Ende der Leitung ein fremder Name meldete, machte Oma Helene nicht weiter stutzig. HH (haha), lachte sie in den Hörer hinein: „Ihr macht wieder Scherze mit mir und verstellt eure Stimme.“ Alsdann legte sie los wie ein Wasserfall. Thema Nummer 1: natürlich das einzigartige Großereignis in Südwestfalens größtem Naturfreibad.

Irgendwann musste Frau Hoffmann ihre Schwärmerei unterbrechen und Luft holen. Diese Zehntelsekunde nutzte ihr „Gesprächs“-Partner zum geduldigen Aufklärungsversuch: „Ich glaube, Sie haben sich verwählt. Hier ist nicht Ihr Enkel Finn, hier ist Matthias Schmeck.“

Schmeck lass nach, erschrak die Anruferin und entschuldigte sich höflich. Wer indes glaubt, die Konversation wäre damit beendet, täuscht sich gewaltig. Vielmehr entspann sich ein ebenso interessanter wie überraschender Gedankenaustausch. So stellte sich heraus, dass der versehentlich Angerufene zwar in Hamburg lebt, aber aus Freudenberg stammt. Müsen über’m Wasser kennt er, nicht aber aber das Hafenfest. Ein Klick im Internet (www.muzena.de) lieferte die Bestätigung: kein Ulk, alles wasserdicht.

„Das ist wirklich ein freundlicher Junge“, staunte Hoffmanns Helene nach dem außergewöhnlichen Telefonat: „Hä ess äwe en echter Sejerlänner!“

Nachzutragen bleibt, dass die gewählte Rufnummer stimmte – mit Ausnahme der letzten Ziffer. Und wer weiß: Vielleicht gibt es ja irgendwann sogar ein Wiederhören oder gar „Wiedersehen“. Ein Hafenfest böte eine prima Plattform dafür – entweder in der pulsierenden Elbmetropole oder im etwas beschaulicheren Bergmannsdorf. Peter Helmes

Kräftig verhagelt

Donnerwetter, das hatte sich ein Müsener anders vorgestellt, als er sich zur Hagelschäden-Besichtigung im Gewerbegebiet „Bocherich“ neben der „Winterbach-Arena“ begab. Wie berichtet, sind dort Experten im Auftrag einer Versicherung seit längerem damit beschäftigt, die durch den schweren Hagelschauer Anfang Juli verursachten Dellen an Fahrzeugen zu analysieren und die Schadenshöhen zu ermitteln.

Als nun der Dorfbewohner die Halle betrat und sogleich die Aufforderung erhielt, sein Auto hinein zu rangieren, winkte er leicht irritiert ab – wollte er doch gar nicht seine Karosserie durchleuchten lassen, sondern vielmehr die Hagelschaden-Ausstellung besichtigen.

Leider ist die Reaktion des Mannes nicht bekannt, nachdem sich das Missverständnis aufgeklärt hatte. Als ziemlich sicher gilt jedoch, dass „Aussteller“ und „Gast“ den Besuch mit Humor genommen haben. Ein empörter Wortschwall aus einer Woge bitterer Enttäuschung heraus soll jedenfalls nicht hernieder gehagelt sein.

Quelle: Siegener Zeitung, 19.08.2015

Bloß nicht verspäten

Selbst nach all den Jahren brauchen einige Zeitgenossen noch eine gewisse Zeit, um mit der Zeitumstellung zurecht zu kommen. In Müsen wurde an vergangenem Sonntag ein solcher Fall Bekannt – bereits der zweite innerhalb von acht Jahren!

Am Morgen nach dem traditionellen Vogelschießen des örtlichen Spielmannszuges bereitet sich eines der Mitglieder gewissenhaft auf ein Geburtstagständchen auf der sonnenabgewandten Seite des Altenberges vor. Ganz nach Müsener Art sollte ihn ein Trecker nach Littfeld bringen. Geplante Abfahrt: zwischen 10:45 und 11 Uhr. Tatsächlich tuckerte in jenem engen Zeitfenster ein Traktor am Haus vorbei. „Ids wörret awer Zitt“, dachte sich der 60-jährige, ließ die Kaffeetasse stehen und schlenderte Richtung Straße. Dort stand er und wartete. Und wartetet. Und wartetet.

Als es ihm endlich dämmerte, dass er oder seine Uhren die Umstellung von Sommer- auf Winterzeit vielleicht verschlafen haben könnten, stand die Sonne schon recht hoch am Firmament. Es folgte eine Phase der Gleichgültigkeit, gepaart mit einem fortwährenden Schulterzucken und Kopfschütteln.
Zurück in den vier Wänden, schlürfte der Mann vom „Säubruch“ seinen mittlerweile auf zimmerwarmen Kaffee aus. Dann wurde es Zeit, sich erneut auf die Straße zu begeben, um sich bloß nicht zu verspäten.

Quelle: Siegener Zeitung, 28.10.2014

Paul muss ein Seemann sein

„Gott muss ein Seemann sein“, vermuten die hoch im Kurs stehenden Nordlichter „Santiano“. Paul auch. Der ist gerade mal acht Jahre jung, aber die Lieder der Matrosen beherrscht er wie kaum ein anderer. Kein Wunder, dass er das jüngste Ehrenmitglied des 1. Müsener Mittelgebirgs-Shantychors ist.

Die Text- und Melodiesicherheit des aufgeweckten Jungen hat sich längst im Dorf herumgesprochen. Wenn Paul morgens ein Liedchen schmetternd den Weg zur Stahlberg-Grundschule antritt, öffnen  sich Jalousien und Fenster, lauschen die Leute. „Wenn wir ihn hören, wissen wir: Jetzt ist Zeit zum Aufstehen“, freut sich ein Nachbar. Ein anderen Dorfbewohner schickte eine Geburtstagskarte und drückte darin seine Hoffnung aus, dass Paul noch recht lange so unbeschwert singen möge.

Das Liedgut des Jungen umfasst einen Gutteil des „Santiano“-Repertoires sowie volkstümliche Weisen der Marke „Wir lagen vor Madagaskar“. Damit dürfte er als eines der jüngsten Originale in die Chronik des alten Bergmannsdorfes eingehen.

Quelle: Siegener Zeitung, Oktober  2014

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