Karpfen zum Fest

Feste soll man feiern, wie sie fallen. Doch den ein oder anderen Ehrentag möchte der ein oder andere vielleicht auch mal ganz ohne Rambazamba begehen. Am besten entrinnt man dem Rummel, indem man vorübergehend in die Ferne schweift.

Exakt das taten Klaus-Dieter und Annemarie H. aus Müsen. Ihre Silberhochzeit wollten sie in aller Ruhe feiern, ohne Hektik, Stress und Händeschütteln. Sie hätten es besser wissen müssen.

Anfangs funktioniert der Plan noch ganz hervorragend. Nach wie vor frisch verliebt, obgleich ein wenig in die Jahre gekommen, begab sich das Paar an den Tegernsee. Der ist zwar in seiner Ausdehnung noch imposanter als Südwestfalens größtes Naturfreibad, aber das Wasser weist durchaus Ähnlichkeiten auf. In Bad Wiesee bezogen die beiden ein gemütliches Hotel. Allein das Wetter meinte es nicht besonders gut mit den Jubilaren.

Das Schicksal auch nicht. Dieses meldete sich nach kurzer Eingewöhnungsphase in Form eines neunköpfigen Freundeskreises, zum großen Teil bestehend aus junggebliebenen Faustball-Kameradinnen und –Kameraden. Heimlich hatten sie sich einen Mehrsitzer gemietet und sich ebenfalls auf die 586 Kilometer lange Strecke begeben. Im Hotel quartierten sie sich inkognito ein. Das Personal spielte mit, so dass Siberbraut und –bräutigam nicht den blassesten Schimmer von dem hatten, was da auf sie zukommen sollte.

Nun galt es für die Ankömmlinge, unentdeckt zu bleiben. Auch da spielte das Team der gastlichen Herberge wunderbar mit, etwa indem es die Müsener durch den Hintereingang hinein ließ, entsprechende Schlüssel zur Verfügung stellte und so den riskanten Gang an der Rezeption vorbei verhinderte. Ihre Zimmer bezogen die Uneingeladenen eine Etage unter dem ahnungslosen Brautpaar.

Nicht einmal die Bitte der Kellner, ausgerechnet das Hochzeitsmahl an Stelle des kleinen Tischs an einer großen Tafel einzunehmen, ließ Klaus-Dieter und Anne dank plausibler Begründung hellhörig werden.

Dann der Überraschungscoup: Der erste Gast aus der Heimat trat aus dem Schatten heraus. Doch noch fiel der Groschen nicht. Bis Anne einen markanten Bauch erspähte, der ihr von der Form her bekannt vorkam. Einem ungläubigen Aufschrei folgte der Karpfen-Effekt: Mund auf, Mund zu, dabei kein Wort rauskriegen und das Ganze eine gefühlte halbe Stunde lang.

Der Bauch gehörte übrigens zu Herbert J., seines Zeichens seit über 56 Jahren und somit von ganz klein auf einer der engsten Freunde des Silbergatten. Hinter ihm traten acht weitere mehr oder weniger flach- und dickbäuchige Müsener an den Tisch, um sittsam zu gratulieren. Wundersamerweise hellte sich mit den anfangs völlig verdatterten Mienen der nunmehrigen Gastgeber sogar das Wetter auf – bis die Freundesschar am übernächsten Tag wieder verschwand.

Damit nicht genug: Als „Hille“ und Anne nach ihrer Flitterwoche in heimische Gefilde zurückkehrten, passte ihr Auto nicht mehr in die Garage. Die war nämlich vollgestopft mit Bierzelt-Garnituren zwecks zünftiger Nachfeier und Saubermachen nach Müsener Art, sprich Frühschoppen, am darauffolgenden Vormittag.
So kam es, dass ein Paar, des Feierns eigentlich überdrüssig, gleich mehrfach in die gesellige Zange genommen wurde. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde zu fürchten. Doch wer die zwei kennt, weiß, dass sie alles andere als entrüstet über diesen mehrtägigen Hochzeitstag waren, sondern diese vielmehr genossen haben.

Quelle: Siegener Zeitung, 12.05.2012