Geniestreiche

Da haben die behördlichen "Straßenkünstler" Augenmaß bewiesen: Auf dem ca. 20 Meter kurzen Teilstück der Neustraße in Müsen - zwischen der rechtwinkligen Einmündung in die Hauptstraße und dem Knick vor dem Dorfbrunnen - ist es ihnen tatsächlich gelungen, ein XXL-Graffito auf dem Asphalt zu platzieren. Die normgerecht aufgepinselte Zahl 30 mahnt - man ahnt es - ergänzend zum obligatorischen Schild zu langsamer Fahrweise. Freilich stellt sich die Frage, wie man an dieser Stelle überhaupt auf Tempo 30 beschleunigen kann? Nicht einmal Schumi & Co. in ihren Formel-1-Boliden gelänge das vermutlich.

Auch hinter der 90-Grad-Kurve beim Brunnen fällt das Rasen schwer, denn bis zur nächsten Kreuzung Martinshardtstraße ist es ebenfalls nur ein Katzensprung. Da ist den "Sprayern" ein wahrlich malerischer Geniestreich gelungen.

Spätestens seit der weitgreifenden Tempo-30-Ausschilderung auf der Hauptstraße und der Ausweisung des hinteren Abschnitts der zweigeteilten Neustraße als Einbahnstraße sprechen etliche Bewohner des alten Bergmannsdorfs unverholen von verkehrstechnischem Unfug, der dort betrieben werde. Tatsächlich kann man den Eindruck gewinnen, dass die Einbahnregelung nicht etwa einen Gefahrenschwerpunkt beseitigt, sondern einen geschaffen hat.

Wohl seit Menschengedenken hat sich in diesem Teil kein nennenswerter Unfall ereignet. Jetzt bleibt kleinen Rad- und Rollerfahrern der direkte, ebenere und ungefährlichere Weg zum Kindergarten und auch zur Schule versperrt. Der Minimalverkehr, der auf der kurzen Einbahnstrecke unterwegs ist, kann mit freier fahrt rechnen. entgegenkommende Fußgänger - sie dürfen ja nach wie vor die Sperrzone passieren - können sich nicht sicher wähnen.

Auf der Poststraße, unterhalb des Ehrenmals, sieht man bisweilen ortsfremde Autofahrer anhalten, weil sie nicht sicher sind, auf welchen Weg sich das Durchfahrtsverbot nach 25 Metern bezieht: Poststraße oder Neustraße? Mann kann diesen Zauderern nicht einmal vorwerfen, sie hätten Tomaten auf den Augen. Denn das Verbotsschild, das passender Weise einer halbierten Tomate ähnelt, befindet sich exakt an der Gabelung der beiden Straßenzüge.

Als Grund für die Umwidmung zur Einbahnstraße musste die mit bloßem Auge kaum zu erkennende Verengung der Neustraße nach dem bau einer neuen Stützmauer oberhalb des Feuerwehrgerätehauses herhalten. Selbst eine Anregung des Hilchenbacher Bauausschusses, wenigstens Radfahrern - die nehmen weniger Platz in Anspruch als Autos - die Durchfahrt in beiden Richtungen zu genehmigen, stieß beim Kreis Siegen-Wittgenstein auf taube Ohren. Bleibt abzuwarten, ob einem Bürgerantrag mehr Erfolg beschieden sein wird, der zurzeit in Vorbereitung sein soll. Wenn nicht, darf sich das Dorf möglicherweise auf weitere Einbahnschilder gefasst machen. Konsequent wäre es, denn es existieren noch ähnlich enge Passagen wie die Neustraße.

Und es gibt in der Nachbarschaft weitaus gefährlichere Nadelöhre, um die sich die Experten auf ihren Verkehrsschauen kümmern könnten. Man denke nur an Dahlbruch, wo sich Fahrzeuge auf der Müsener Straße zwischen Kreuzung Am Kampen/Carl-Kraus-Straße und der Einmündung in die Wittgensteiner Straße (B508) in beiden Richtungen oft nur mühsam zwischen parkenden Autos hindurch schlängeln können. Oder an der Bundesstraße in Kredenbach, wo in der Tempo-70-Zone Lastwagen auf die Bundesstraße abzubiegen und Fußgänger oder Radfahrer beim Einkaufszentrum unversehrt über die Straße zu gelangen versuchen. Dort, wo weit weniger los ist, gilt seltsamerweise das 50-hk/h-Limit. Da dürfen sich die verantwortlichen nicht wundern, dass sich dem Laien der tiefere Sinn solch verkehrslenkender Maßnahmen auf den ersten Blick verschließt.

Quelle: Siegener Zeitung, 06.10.2012