„Danke für’s Ausborgen“

Es lag nicht nur, aber sicher auch am spätsommerlichen Sonnenschein, dass das 4. Müsener Hafenfest an Originalität und Zuspruch so ziemlich alles in den Schatten stellte. In den Schatten gestellt hatte auch ein altgedienter Waldgenosse und Flötist im Spielmannszug seinen treuen Drahtesel. Doch als der Pedalritter nach seinem Hafenfest-Besuch den – zugegebenermaßen relativ kurzen – Heimweg antreten wollte, war sein Gefährt verschwunden. „Diebstahl“, entfuhr es dem Besitzer, und trotz aufkommender Dunkelheit legte sich ein Schatten über sein Haupt.

Doch schon bald sollte sich sein Gemütszustand wieder erhellen. Den Grund für den Stimmungswandel lieferte eine Postkarte. Deren knallrote Frontseite zierte in weißen Lettern das Wort „Gut“. Über diesen knackig-kurzen Werbeslogan der Sparkasse hatte ein unbekannter Absender ein schwarzes Velo gepinselt und so dem Aufdruck einen neuen Sinn verliehen: Fahrrad gut.

Die Rückseite der korrekt frankierten und abgestempelten Karte trug die komplette Anschrift des Opfers. Dem verschlug es endgültig die Sprache, als es den aufgeklebten Textzettel las. Fein gedruckt und formuliert stand dort folgendes:
„Guten Tag! Sehr geehrter Herr F..., sicher werden Sie sich gefragt haben, wo Ihr Fahrrad geblieben ist. Es ist in ordentlichem Zustand abgestellt bei der Volksbank Dahlbruch (Müsenerstr. 7, neben Rollstuhlauffahrt). Und das kommt so: War am Di.abend auf dem Hafenfest, es fuhr aber so spät kein Bus mehr zurück nach Dahlbruch (zur Wittgensteinerstr./ L 508), daher mußte ich Ihr unverschlossenes(!) Fahrrad ,entführen‘. Danke für’s Ausborgen! Ich hoffe, das Verschwinden hat Ihnen nicht zuviel Aufregung u. Sorge bereitet; u. daß Sie auch ohne Ihr Rad noch gut nach Hause gekommen sind. Auch gut, dass Sie die Adress-Aufkleber am Rahmen angebracht haben. Hoffentlich also ist Ihr Rad bald schon wieder bei Ihnen. Entschuldigung für den unangenehmen Umstand. Alles Gute u. tschüß!“

Dem Empfänger blieb beinahe die Spucke weg, als er sein Bike unversehrt an der beschriebenen Stelle wiederfand. Dem höflichen „Schwarzfahrer“ bescheinigte er im Nachhinein schmunzelnd ein sonniges Gemüt.

Quelle: Siegener Zeitung