Nach Kreis- jetzt auch Landes-Gold?

„Unser Dorf hat Zukunft“: Müsen begrüßte die Kommission

Müsen. Ein Wetterchen, aus dem man zwei machen könnte, kein Staubkorn zuviel auf den Straßen und leicht erhöhter Puls bei den Herrschaften, die sich an diesem Dienstagnachmittag vorm Einrichtungshaus Bensberg eingefunden haben: Die Bewertungskommission kommt! Als der Bus hält, ist das erste, was deren Mitglieder an diesem Tag hier zu sehen bekommen, ein Mann in Gelb: Rainer Fränzen, knallig kostümiert als Zeitungsbote, schwenkt das Extrablatt „Unser Dorf hat Zukunft“.

Da ist der Titel Programm: Seit der Ort im vergangenen Jahr im Dorfwettbewerb auf Kreisebene Gold geholt hat, will er weiter auf der Leiter, nach oben: Erfolg auch auf Landesebene ist das erklärte Ziel, auf das die Dorfgemeinschaft, unterstützt von einer eigenes gebildeten kommunalpolitischen Arbeitsgruppe, seit Monaten hinarbeitet. An diesem Dienstag geht es um alles, zunächst aber vor allem darum, den bis ins Detail ausgetüftelten Zeitplan einzuhalten: Müsen gestern – heute – morgen, Müsen in zwei Stunden. Die Uhr läuft.

14 Uhr: Klaus Rieke vom Bürgerforum begrüßt die Kommission, Bürgermeister Holger Menzel und Landrat Andreas Müller: „Müsen ist kein Schlafort!“ Auch der Kreisheimatpfleger ist mit dabei, anders als beim Kreiswettbewerb hat er diesmal aber kein Stimmrecht: Zu nah am Geschehen. Dr. Waldemar Gruber aus der Jury schmunzelnd: „Dieter Tröps darf gar nix.“ Auch der Landrat fasst sich kurz: „Lassen Sie sich beeindrucken, von Müsen und seinen Menschen!“ Hans-Jürgen Klein, Fachbereichsleiter Bürgerdienste bei der Stadt Hilchenbach, meistert die Aufgabe, im Wettlauf mit dem Uhrzeiger erste Pfunde des Ortes zu präsentieren, mit Bravour. Ulrich Bensberg stellt die wirtschaftliche Entwicklung des Ortes dar, auch am Beispiel des eigenen, 1877 gegründeten Familienunternehmens: „Für uns ist Müsen ein Standort, der eine gute Zukunft möglich macht.“ Zum Auftakt des Rundgangs hält Klaus Rieke den Regenschirm senkrecht: „Immer hinterher!“


Unterwegs im ausrangierten Schulbus auf die Müsener Höhe.

14.18 Uhr: Ankunft an der Kirche. Davor spielt die Zukunft des Dorfes mit Zeug aus der Vergangenheit: Holzreifen und Gummitwist. Drinnen steht Rainer Fränzen, jetzt ohne Kostüm: „Sehr wenig Zeit, dafür sehr viel Dorf“, fasst der ortseigene Filmproduzent zusammen, neben dem Tätowierer ist er hier einer der „modernen Handwerker“. Fränzen präsentiert auf Leinwand alles, was der Kommission nicht live gezeigt werden kann, und zwar aus der Zukunfts-Perspektive: Zwei Kinder kommentieren einen Film, den sie bei ihrem „Urururgroßvater“ gefunden haben: „Dorf – das ist ja voll retro! Ob wir gewinnen oder nicht ist doch krass egal – wir haben Zukunft!“ Applaus. Ulrich Bensberg hat noch mehr Künftiges auf Lager: E-Ladestation etwa und E-Fahrrad-Verleih. Es gebe kaum Leerstände im Dorf, aber: „Hätten wir eine kommunale Gestaltungssatzung, wäre uns leichter ums Herz.“ Einen der schattigsten Plätze an diesem Tag haben übrigens die wohl jüngsten Dorfbewohner: Emma und Tilda, fünf Monate, in ihrem Kinderwagen.

14.34 Uhr: Dorfmitte. Dirk Setzer spricht einige Worte zu Natur und Bienen, bevor Historikerin Verena Hof-Freudenberg etwas zur Gestaltung der Dorfmitte nach dem großen Brand erzählt. Ortsheimatpfleger Rüdiger Andreeßen stellt das Schilder-Projekt vor: 200 davon sollen mittels QR-Code künftig über diverse Häuser Auskunft geben. „Ich hoffe, dass Geschichte für jeden zugänglich wird.“ Eine Frage an Zeitnehmer Frank Luschei: Zufrieden soweit? Luschei nickt. Zufrieden soweit.


Rainer Fränzen war schwer im Einsatz am Dienstag - hier in seiner Menage, die er den Jurymitgliedern aus einem Sarg heraus vorstellte.

14.44 Uhr: Ab hier wird es kurz unterirdisch: Ein Besuch im Bergmannsdorf wäre unvollständig ohne Besuch des Stollens, für den schon die Helme bereit liegen: „Ist ja kein Schönheitswettbewerb hier“, lacht ein Kommissionsmitglied, sich den Kopfschutz überstülpend, „das war mal“. Immerhin betritt die Jury die Unterwelt durch den Fürsteneingang. Unten hält Martin Krause erste Informationen zum Bergbau parat, nach ein paar beengten Metern wartet draußen Horst Müller. Der Vorsitzende des Vereins Altenberg + Stahlberg referiert zu dessen Aufgaben, zu Bethaus, Stollen und dem Altenberg selbst.

15.01 Uhr: In der Menage sitzt nicht Kai in der Kiste, doch dafür der Besitzer im Sarg. Rainer Fränzen zum Dritten: Der begeisterte Zugezogene und Käufer des historischen Gemäuers, der im Kreiswettbewerb noch Verwaltungsazubis in Zombies verwandelt hatte, setzt sich diesmal selbst in Szene und stellt sein eigenes Projekt vor: Restaurierung und Umbau des Gebäudes in u.a. einen Escape-Room. Ohne die Dorfgemeinschaft gehe das nicht: „Mit so viel Unterstützung habe ich nicht gerechnet.“ Die Brandschutzbestimmungen seien freilich ein anderes Thema. Der Landrat schaut ein wenig, als fühle er mit.

15.08 Uhr: Draußen wartet schon der  Partybus, der die Wertungsrichter vorbei an Gewerbe, Industrie, dem Friedhof und entlang einem Haufen wilder Gesellen schuckelt: die Bärengruppe. Sie hat ihren großen Auftritt ja eigentlich immer im Winter. Wenn also schon Sebastian Hof in seiner Bergmannsuniform warm ist, so möchte man mit dem Junggesellen im Bärenkostüm tiefes Mitleid empfinden. Aus den Busboxen hämmert „Endlich wieder Malle“.

15.19 Uhr: Nicht ganz Malle, aber auf der Müsener Höhe („die Flaniermeile“) scheint auch die Sonne, und das nicht zu knapp. Dirk Setzer verweist auf die Begrünung des Hangs vor 86 Jahren, Thomas Irle stellt hier gemeinsam mit Kindern aus der Grundschule seine Bildungsinsel vor. Von drunten schallt es „Faria, Faria, Ho“. Die Bären.


Die wollen nur spielen: Einige Mitglieder der Bärengruppe.

15.28 Uhr: Ein Dudelsack-Spieler intoniert „Auld Lang Syne“ auf dem Weg hinunter zur Vereinsturnhalle des TuS Müsen.

15.31 Uhr: Christoph Schütz vom Turnverein stellt die „Herzkammer des TuS“ vor, das frühere und dann an den jetzigen Standort verpflanzte Magazin der Grube Stahlberg, in dem heute 800 Mitglieder ihre Fitness pflegen können. Draußen ist erstmals offen von kühlem Bier die Rede.

15.42 Uhr: Der Tross passiert das Bürgerhaus, um dann zunächst links Richtung Naturfreibad abzubiegen. Der ev. Kindergarten bringt ein Ständchen.

15.45 Uhr: „Der einzige Ort, zu dem heute niemand hingelockt werden musste“, meint der Landrat mit Blick über die einladend glitzernde Wasserfläche des vom TuS betriebenen Bades. Norbert Hammes liefert die Fakten dazu; wie viele Jury-Mitglieder sich am liebsten selbst von der Wasserqualität überzeugt hätten, ist nicht bekannt.

15.49 Uhr: Punktlandung. Ankunft am Bürgerhaus, Spalier der örtlichen Walking-Gruppe, es spielen auf der Musikverein und das Tambourcorps. Klaus Rieke dankt den Müsenern für die gute Beteiligung. „Wir walken ohne Sorgen plaudernd in den Morgen“ stellen die Damen in den blauen Polohemden auch ihre stimmlichen Qualitäten unter Beweis, bevor Dr. Waldemar Gruber eine erste Einschätzung seiner Jury-Kollegen weitergibt: „Wir sind beeindruckt.“ Die Experten würden ihr Urteil finden. „Sie als Müsener haben jetzt schon gewonnen, Sie sind auf einem guten Weg.“ Damit es so weitergehe, müsse man den Landrat und den Bürgermeister an die Hand nehmen. „Machen Sie weiter so.“ Später werden noch die „local heroes“ AaaP (Alles Andi außer Peter) spielen, doch das wird der Jury entgehen, sie wird gleich vom Bus abgeholt. Im September erfolgt die „Urteilsverkündung.“

Quelle: Siegerland Kurier, 04.07.2018